FRIEDRICH WILHELM I

oder "Was  ist preußische Disziplin?"

 

Text und didaktische Ausarbeitung: Dr. Ralph Bisschops


Jetzt, wo Berlin Hauptstadt Deutschlands geworden ist, ist es vielleicht an der Zeit, auch einmal die Geschichte Preußens zu rekapitulieren. Mit diesem Wort sind nämlich eine Menge Assoziationen verknüpft: Disziplin und Militarismus, aber auch Bildung, Toleranz und Freigeistigkeit. Grundlegend für den Aufstieg Preußens in der Geschichte Europas war die Herrschaft von Friedrich Wilhelm I (nicht zu verwechseln mit Wilhelm I, der seit 1871 deutscher Kaiser war).

Friedrich Wilhelm I war König von 1713 bis 1740 (* 14. 8. 1688, † 31. 5. 1740).
Zu seiner Zeit spielte Preußen noch keine bedeutende Rolle. Unter seiner Herrschaft wurden jedoch die Bedingungen geschaffen, die Preußens Vormachtstellung gegenüber dem Habsburgerreich (Österreich) ermöglichen sollten.

Man nennt ihn den "Soldatenkönig". Seine Offiziere nannte er "Meine Herren Brüder und Söhne". Er trug stets die Uniform, die übrigens für die ganze Armee gleich war. Er war korrekt, sparsam und brutal.

Zwei Drittel der Staatseinnahmen gingen an das Heer. Er brachte es von 38 000 Mann auf 83 000 Mann. Preußen hatte damals 2,5 Millionen Einwohner.
Der Landadel wurde dazu gezwungen, die Offiziere zu stellen, was er anfangs nur ungerne tat. In der Folgezeit hat sich diese Einstellung geändert und wurde die Offizierslaufbahn zu einem Privileg der Junker.

Die einfachen Soldaten wurden durch Zwangsaushebung rekrutiert. Die Dienstzeit betrug 2 Jahre. Danach dienten die Reservisten 18 Jahre hindurch 2 Monate im Regiment.
Eingezogen wurden Handwerker und Leibeigene (Erbuntertänige). Nicht die Manufakturarbeiter und Intellektuellen. Diese wurden für Verwaltung und Wirtschaft gebraucht.
Die Truppen wurden oft vom König höchstpersönlich exerziert.
Außerdem rief er die berühmte Potsdamer Garde ins Leben, die sogenannten "langen Kerls", die geschickt mit Ladestock und Bajonette umgehen konnten.

Aber die Soldaten sollten nicht nur schießen lernen, sondern auch beten. Jeder bekam ein Exemplar des Neuen Testaments. Somit wurde ein Bündnis zwischen Frömmigkeit und Kaserne geschlossen.

Friedrich Wilhelm I verkörperte die protestantische Arbeitsethik. "Der liebe Gott hat euch auf den Thron gesetzt, nicht zu faulenzen, sondern zu arbeiten und seine Länder wohl zu regieren", hat er seinem Sohn mal gesagt.
Der Pietismus des Königs führte zu einer gewissen Entfeudalisierung. Schuster und Graf waren gleich vor Gott. Politisch wurden sie es erst unter dem Einfluß der Napoleonischen Reformen, aber das auch nur für kurze Zeit. Die Leibeigenschaft (Erbuntertänigkeit) hat Friedrich Wilhelm I zwar noch nicht abgeschafft, aber man war nicht mehr weit davon entfernt (ihre endgültige Abschaffung erfolgte 1807).

Ein konkreter Schritt in Richtung Emanzipation war die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Friedrich Wilhelm I gründete 2000 Volksschulen. Er führte auch den Konfirmationsunterricht ein, zu dem keiner zugelassen wurde, der nicht lesen und schreiben konnte. Modellschulen entstanden, in denen Junker und Waisen zusammen erzogen wurden. Dadurch wurde die ständische Ordnung zumindest in den Köpfen abgeschafft.
Die Tatsache, daß in Preußen keine Revolution wie in Frankreich ausgebrochen ist, erklären viele Historiker damit, daß dort (wie auch in Österreich unter Joseph II) bereits eine Revolution von oben stattgefunden hätte.

Kennzeichnend für die damalige preußische Gesellschaft war die Arbeitsethik. Das wurde unter Friedrich Wilhelm I noch verschärft. Er bildete die Preußen zu verantwortungsbewußten Untertanen heran. Man arbeitet mehr für die Ehre als für die Besoldung. Dadurch entstand ein Beamtenstand, der seine Pflicht mit religiösem Eifer tat. Dienen war wichtiger als verdienen. Und dienen tat man nur dem König, der seine Beamten und Offiziere alle von Angesicht kannte.
In dieser Zeit entstand das Ideal der preußischen Disziplin. Ein Offizier solle Meister seiner Affekte sein, hieß es.

Kriege hatte Friedrich Wilhelm I nicht geführt (abgesehen von einer kurzen Beteiligung an einem Krieg gegen Schweden). Dazu war er zu friedfertig. Er scheute es, Waffen oder staatliche Mittel einzusetzen. Bezeichnend für seine Einstellung zum Krieg sind die Worte, die er an seinen Sohn Friedrich, den späteren "Grossen Fritz", gerichtet hatte: "Mein lieber Nachfolger, ich bitte Euch, keinen ungerechten Krieg anzufangen".

Außenpolitisch spielte Preußen damals noch eine geringfügige Rolle. Sein Schwager, König Georg II von England, nannte Friedrich Wilhelm II "mein lieber Bruder Korporal". Als loyaler Untertan der Habsburger ist er wiederholt enttäuscht worden. Die Österreicher hatten ihn nie richtig ernst genommen. Er klagte darüber, daß er wie "ein Fürst von Zipfel-Zerbst" behandelt wurde und zeigte auf seinen Sohn mit den Worten: "Da ist einer, der mich rächen wird".
Das hat dieser auch getan.

Literatur: Hans-Joachim Schoeps, Preußen, Geschichte eines Staates, Ullstein 1995.


Erläuterungen (die wichtigen Wörter und Ausdrücke sind mit einem * [Sternchen] versehen).

*Es ist an der Zeit, ...: der Moment ist gekommen

*die Bildung: die Tatsache, kultiviert zu sein. Adjektiv: gebildet. Im 18. und 19. Jahrhundert war Bildung ein zentraler Wert in der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands. Wer nicht gebildet (= ungebildet) war, war in den Salons nicht willkommen.

Freigeistigkeit: Das Adjektiv ist freigeistig (man kann auch sagen freisinnig). Die Tatsache, daß man sich nicht von religiösen Vorstellungen leiten läßt.

*die Vormachtstellung: die dominierende Position

*das Heer: das Militär

in der Folgezeit: danach

*stellen: bereitstellen, zur Verfügung stellen, abgeben. Beispiel: Mein Onkel stellte den Wein für die Feier (= er sorgte für den Wein).

*die Einstellung: innere Disposition. Beispiel: Die Einstellung der Deutschen zu den Amerikanern ist durchaus sehr positiv.

der Junker (Plural: Junker): Großgrundbesitzer (durchaus waren die Junker adliger Herkunft).

die Zwangsaushebung (veraltet): Einberufung zum Militär, egal ob der Betroffene das schön fand, oder nicht.

*die Verwaltung: die Administration

der Ladestock: Gewehr, bei dem die Kugel vorne in den Lauf geschoben wurde.

*das Bündnis: die Allianz. Das Funktionsverb ist schließen. Beispiel: Der Inhaber der Bar "Tropical" hatte ein Bündnis mit der Mafia geschlossen.

die Frömmigkeit: die Tatsache, *fromm (= religiös zu sein).

*verkörpern: mit seiner ganzen Person vertreten. Mozart verkörpert den Sinn für Melodie.

faulenzen (faulenzte, gefaulenzt): faul sein, nichts tun.

*Ent...: Präfix, das ausdrückt, das etwas entfernt wird. Entfeudalisierung = Abschaffung der Feudalherrschaft. Weitere Beispiele: Entbürokratisierung, Entmythologisierung.

*erfolgen: (als Folge von etwas) stattfinden. Der Tod erfolgte kurz nach dem Unfall.

die Volksschule (jetzt: Grundschule): Schule für Kinder von 6 bis 12.

die Konfirmation: gottesdienstliche Feier, durch die ein Kind in die Welt der Erwachsenen aufgenommen wird (Alter: ca 12 Jahre).

* die Waise (-n), auch: das Waisenkind: Kind, das den Vater, die Mutter, oder beide verloren hat.

die ständische Ordnung: die feudale Gesellschaftordnung, in der die Menschen in Stände eingeteilt wurden. Diese Stände waren: die Adligen, die Kleriker und das "Volk".

*kennzeichnend für ...: typisch für ...

*die Besoldung: das, was ein Beamter oder Soldat an Geld bekommt.

*der Affekt: ein starkes Gefühl; *im Affekt handeln bedeutet: unter dem Impuls starker Emotionen handeln.

friedfertig: friedlich

*geringfügig: von geringer Bedeutung

*rächen (rächte, gerächt): vergelten. Der Mafiaboß ruhte nicht, bevor er den Tod seines Bruders gerächt hatte. Schließlich fand er den Mörder. Dieser wurde wenige Tage später tot in seinem Swimming-pool aufgefunden.


ÜBUNG

Setzen Sie bitte einen passenden Ausdruck ein:

K_____ (1) für den Jazz sind hektische und nervöse Tempi.

Paul hat eine negative E____ (2) zu den Franzosen. Er hält sie alle für frivol.

Auf meinen Brief e________ (3) keine Antwort.

Paul hat in einem Wutanfall seinen Job gekündigt. Ich finde es nicht richtig, daß so wichtige Entscheidungen im A_______ (4) getroffen werden.

Der Einbrecher hat für sein Verbrechen nur eine g________ (5) Gefängnisstrafe von drei Monaten bekommen.

Im Zweiten Weltkrieg schlossen Großbritannien, die Sowjetunion und die USA ein B___________(6) gegen Nazi-Deutschland.

Es ist jetzt an ____________ (7), über die rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit der Gentechnologie nachzudenken. Darf eine Versicherungsgesellschaft von ihren Kunden einen Gen-Test fordern?

Egon zitiert Goethe, Kant, Hegel, Kleist, Heine und Heidegger aus dem Gedächtnis. Er ist wirklich sehr ________ (8).

Nein, Herr Krause arbeitet bei uns schon lange nicht mehr als Automechaniker. Er sitzt jetzt in einem Büro und beschäftigt sich mit Papierkram = Herr Krause arbeitet in der V____ (9).

Die ABC-Abwehrtruppe ist eine Waffengattung des H______ (10), die die anderen Truppen durch Schutzmaßnahmen gegen Angriffe mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen unterstützen muß.

Wir wollen weniger Bürokratie = Wir wollen die E______ (11) unserer Gesellschaft.

Frau Giftnudel hatte jede Menge Paprika in die Suppe ihres Klavierlehrers, der bei ihr gelegentlich zu Gast war, gemischt. Damit wollte sie die Beleidigung, die dieser ihr zugefügt hatte, r_______(12). Er hatte ihr nämlich gesagt, daß er noch nie ein Nilpferd so schön hätte spielen hören.

 

 

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